Auf ein Glas Wein und einen Schnack mit Dr. Rainer Berchtold

Sylter Unternehmer im Porträt


Herr Dr. Berchtold, im April haben Sie Ihren 60. Geburtstag gefeiert. Ein guter Anlass, um auf Ihr bewegtes Leben zurückzublicken. Auf Sylt kennt man Sie unter anderem als Betreiber des Bistrorants »Reblaus« in Keitum. Ihre unternehmerischen Wurzeln liegen aber ganz woanders. Wie hat alles angefangen?

Ich habe nach dem Studium zunächst als Betriebsleiter bei einem mittelständischen Bauzulieferer begonnen. Der ganzen Branche ging es Mitte der 1980er Jahre sehr schlecht. In einem kreativen Team haben wir dann ein Produktionsverfahren entwickelt, mit dem erstmals glasierte Tondachziegel vollmechanisch produziert werden konnten. Dazu noch in rund 100 verschiedenen Farbtönen. Das war in der Bauindustrie ein Quantensprung wie vom C-Netz-Handy zum Smartphone. In den ersten Jahren haben uns viele Wettbewerber belächelt. Einige Jahre später waren wir Marktführer in Europa und hatten das Unternehmen unter dem Namen Creaton an der Börse platziert. 25 Jahre war ich dann für dieses wundervolle Unternehmen aktiv und dazu noch als Aufsichtsrat oder Beirat für Unternehmen wie die Commerzbank, Springer, Kalksandstein und andere tätig.

Woher kommt Ihre Liebe zur Insel Sylt?

Anfang der 1990er kam ich in die Sansibar. Damals spielte zum sonntäglichen Frühschoppen noch eine Blaskapelle. Da habe ich mich als gebürtiger Bayer gleich heimisch gefühlt. Sylt, das ist die Mischung aus Lifestyle, Natur und Freiheit. Die Insel bietet ein einmaliges Naturerlebnis, öffnet jedem seine Möglichkeiten und setzt bewusst auch Grenzen. Ich stamme aus Nordschwaben in Bayern. Das könnte auch mitten in Nordfriesland sein. Da gilt noch der Handschlag. Das ist genau meine Welt.

Die Insel ist für ihr erstklassiges gastronomisches Angebot bekannt. Dementsprechend schwierig kann es sein, mit einem neuen Restaurant hier Fuß zu fassen. Was hat Sie bewogen, dieses ›Risiko‹ mit der »Reblaus« einzugehen?

Erstmal möchte ich mich nicht mit dem Begriff »Gastronom« schmücken. Ich bin Unternehmer und in verschiedenen Bereichen aktiv. Da ist es wichtig, dass man sich mit den richtigen Partnern umgibt. Die Reblaus ist entstanden, weil ich immer versuche, wie der Gast zu denken. Mich interessieren keine Konventionen. Der Gast sieht ein Hauptprodukt wie z. B. Steinpilz, auf den er gerade Lust hat, will aber die Begleitprodukte dazu selber wählen. Nudeln, Spätzle, Galloway-Rind oder Ähnliches. Zusammen mit einem Koch bespricht er das, was die Küche anbietet und er wünscht. Eine optimale Kombination, die meiner Philosophie in Zusammenhang mit unserem Front Cooking-Konzept sehr nahe kommt.

Vor Kurzem ist bekannt geworden, dass Sie sich mit der Reblaus aus der gastronomischen Bewirtung des Keitumer Friesensaals zurückziehen. Woher rührt diese Entscheidung?

Der Friesensaal ist ein hervorragender und wichtiger Mittelpunkt in Keitum. Ursprünglich sollten wir dort gastronomisch aushelfen. Letztendlich hat es dann allen gefallen, und es wurde eine längere Liaison. Langfristig müssen wir leider sehen, dass wir unter der derzeitigen Konstellation weder das Personal noch die erforderliche Technik haben, um den gewünschten Anforderungen gerecht zu werden.

Sie betreiben auch das Modegeschäft »Sylt Selected«, das Sie im Jahr 2014 eröffnet haben und das eng mit der »Reblaus« verknüpft ist. Mode und Genuss treffen am Tipkenhoog aufeinander. Die erstklassige Modeauswahl soll demnächst ja nochmal erweitert werden. Was erwartet Ihre Kunden konkret?

Ursprünglich wollten wir ein Misch-Konzept aus Mode & Genuss schaffen. Dazu haben leider die räumlichen Kapazitäten nicht ausgereicht. Insofern sind heute »Sylt Selected« als Mode- und die »Reblaus« als Gastrobetrieb getrennt. »Not for Girls, just for Women« ist das Leitmotiv von Sylt Selected. Wir bieten hochwertige Damenmode zu fairen Preisen. Mit der früheren Chefdesignerin von Dolce & Gabbana, Giulia Brunello, haben wir nun eine neue Modelinie aufgelegt, die auch »Curvy Couture« anbietet. Im Standard bis Größe 50. Auf Wunsch bis Größe 60. Dazu haben wir jetzt in der Elisabethstraße in Westerland ein zweites Geschäft eröffnet.

Was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft?

Wer, wie wir auf der Insel wohnen kann, hat seinen Vorrat an Wünschen verbraucht. Die hat der »liebe Gott« schon alle erfüllt.

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