Peter Schnittgard im Interview

»Ehrenamt ist ein Geschenk für die Menschen!«

Westerland. Während der 135. Jahreshauptversammlung des TSV Westerland wurde Peter Schnittgard eine besonderen Ehrung zuteil: An diesem Abend wurde der Bürgervorsteher der Gemeinde Sylt zum Ehrenvorsitzenden gewählt. Seit 72 Jahren engagiert er sich ehrenamtlich beim TSV Westerland. In dieser Zeit hat er nicht nur die Handballsparte mit ins Leben gerufen, sondern sie über 40 Jahre auch als Spartenleiter begleitet.

Welche Bilanz ziehen Sie aus ihrem 72jährigen ehrenamtlichen Engagement?
Die Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten. Wer ein Ehrenamt ausübt, muss davon ausgehen, dass es zwar Spaß macht, aber auch sehr viel Arbeit damit verbunden ist. Daher stellt sich mir die Frage, wofür ich Bilanz ziehen soll – für mich persönlich, oder für die Aufgaben, die ich in der Zeit übernommen habe.

Welche Aufgaben haben Sie ausgeführt neben 33 Jahren als Vorsitzender des TSV?
Auch in dieser Zeit habe ich ja nicht nur Vorstandsarbeit gemacht, sondern war auch selbst sportlich aktiv. Natürlich überwiegend im Handball, aber auch in der Leichtathletik. Ich habe zu der Zeit einen Sportverein übernommen, der damals schon eine ganz wichtige Funktion in der Gemeinde ausübte. Bis heute haben wir uns stark erweitert und beispielsweise den ersten hauptamtlichen Sportlehrer eingestellt. Das war in den Jahren davor auch mit den Ehrenamtlern schon ein toll funktionierender Sportverein, aber unsere hauptamtlichen Mitarbeiter haben die notwendige Professionalität in den Verein gebracht. Darum haben wir 1984 aus der damals noch nebenamtlich laufenden Geschäftsstelle auch eine hauptamtliche gemacht, weil bestimmte Unterstützungsanträge ehrenamtlich gar nicht abgewickelt werden konnten.

Viele Trainer und Spartenleiter arbeiten nach wie vor ehrenamtlich. Wie kann man trotzdem die notwendige Professionalität sicherstellen?
Durch Weiterbildung der ehrenamtlich engagierten Mitglieder. Übungsleiter müssen sich beispielsweise in Erster Hilfe auskennen, und ein Verein braucht auch Schiedsrichter und Kampfrichter, die ausgebildet werden müssen. Viele unserer ehrenamtlichen Übungsleiter sind beispielsweise zur Ausbildung nach Malente gereist. Das dortige Sport- und Bildungszentrum ist zentrale Ausbildungsstätte des Landessportvereins.

Ist die Lage auf einer Insel auch für einen Sportverein spürbar, der sich ja regelmäßig auf Reise zu anderen Austragungsstätten begeben muss?
Selbstverständlich. Wir sind ja fast der nördlichste Sportverein des Landes und zudem durch den Hindenburgdamm vom Festland getrennt. Das bedeutet hohe Fahrtkosten und lange Fahrten: Punktspiele beispielsweise, die zehn, elf Fahrtstunden entfernt liegen. Dazu müssen die Kinder- und Jugendmannschaften auch begleitet werden. Das alles muss gemanagt werden, und zwar auf ehrenamtlicher Basis – das gewährleisten zu können, ist ein Geschenk für die Menschen.

Lässt sich dieses Geschenk in Zahlen fassen?
Der Staat könnte gar nicht bezahlen, was in den Sportvereinen geleistet wird: Der TSV hat eine Wertschöpfung von ungefähr 300.000 Euro im Jahr. Allein das aktive Sportprogramm mit derzeit 16 Sportarten erzeugt Fahrtkosten in Höhe von 70.000 Euro im Jahr. Diese Kosten müssen durch den Mitgliedsbeitrag gedeckt werden. Die älteren Menschen im Verein, die nicht mehr so oft auf Reisen gehen, finanzieren dabei die Fahrten der jungen Mitglieder mit. Während die jungen Leute die Rente der Älteren mitfinanzieren, ist es in den Sportvereinen also genau umgekehrt.

Dann braucht der Sportverein also nicht nur Nachwuchs, sondern auch ältere Mitglieder.
Richtig. Und Sponsoren, die uns unterstützen und uns die Chance geben, einen Sportverein in dieser Größenordnung mit rund 1800 Mitgliedern, davon mehr als die Hälfte im Alter unter 26 Jahren, überhaupt möglich zu machen. Das alles geht nur gut, wenn der Vorstand in der Lage ist, die Kontakte zu öffentlichen Institutionen wie auch zu den Unternehmen zu pflegen.

Leidet nicht auch manchmal das Familienleben unter der ehrenamtlichen Tätigkeit?
Ich hatte und habe das Glück, mit einer Frau gesegnet zu sein, die meine Tätigkeit nicht nur toleriert, sondern noch unterstützt und damit erst möglich gemacht hat. Das ist ein Geschenk schlechthin: Nicht nur für mich, der diese Tätigkeit mit Leidenschaft ausgeübt hat, sondern auch für diejenigen, die davon profitieren. Meine Frau hat beispielsweise von 1977 bis 2017 als Zeugwartin nebenbei die Trikots der Handball-Männermannschaft gewaschen. Einige Mitglieder haben schon gerechnet: Insgesamt rund 15.000 Trikots wurden im Laufe der 40 Jahre in der Waschmaschine der Familie Schnittgard herumgewirbelt.